Die Macht der Geduld…

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hrlich gesagt, ich bin nicht der geduldigste Mensch. In den letzten Jahren habe ich aber versucht an mir zu arbeiten, was mir auch dabei geholfen hat geduldiger zu werden. Für mich sind die Pferde dabei immer die besten Lehrmeister!

An manchen Tagen kann die Arbeit mit unseren Pferden ziemlich frustrierend sein. Es heißt Pferde können jede bekannte Emotion in uns wecken… in nur einer einzigen Trainingseinheit! Wenn das der Fall ist, wie können Pferde einem dann helfen geduldiger zu werden? Da gibt es so ein paar Möglichkeiten, die ich gerne mit Dir teilen möchte. Das Bewusstsein und die Möglichkeit die Dinge aus der Sicht deines Pferdes zu betrachten, kann dir einen ziemlichen Motivationsschub geben deinen Geduldsfaden zu verlängern.

1. Druck macht es meistens nur schlimmer

Das gilt nicht nur generell im Leben sondern speziell, wenn es um Pferde geht. Als Fluchttiere haben sie von Natur aus Angst gefangen zu sein, eingeengt oder verletzt zu werden.

Wir haben sicher alle schon einmal das Drama beobachtet, wenn ein Pferd gezwungen wurde in einen Hänger zu gehen, über ein Hindernis zu springen, bei der Hufbearbeitung still zu stehen oder eine Spritze zu bekommen. Ihre manchmal heftigen oder agressiven Reaktionen basieren primär auf Angst. Ein Pferd um sich zu habe, das gerade um sein Leben und seine Freiheit kämpft ist meistens nicht so lustig. Zwinge dein Pferd nicht zu irgendetwas- auch wenn du so geschickt bist, dass du es kannst. Lehre es mit Geduld! Jeder wünscht sich einen geduldigen Lehrer und wir erinnern uns immer ganz besonders an die, die es nicht waren… im negativen Sinne.

2. Fokussiere dich mehr darauf was dein Pferd braucht als auf das was du willst

Es ist wichtig Trainings-Ziele zu haben, aber es ist noch viel wichtiger deinem Pferd Zeit zu geben darüber nachzudenken was du willst.

Sagen wir mal dein Pferd kürzt die Ecke in der Reithalle ab. Die typische Reaktion eines Reiters ist nun verstärkt Beine und Zügel zu benutzen, um das Pferd weiter in die Ecke zu lenken.

Was aber macht das Pferd in der nächsten Runde? Es wird die Ecke sehr wahrscheinlich wieder abkürzen. Ist dir das schon mal aufgefallen?

In diesem Moment müssen wir erstmal verstehen warum das Pferd die Ecke meidet. Warum tut es das?

Viele denken das Pferd ist einfach stur oder ungehorsam, wenn es doch eigentlich Angst vor dieser Ecke hat.

Du musst verstehen wie ein Pferd denkt, um den Ursprung der Situation zu begreifen. Pferde sind Fluchttiere, die es gewohnt sind auf großen weiten Wiesen zu leben. Dort tun sie alles dafür nicht in einer Ecke gefangen zu werden. Was das Ganze noch schlimmer macht ist, wenn der Reiter in dieser Situation noch mehr Druck ausübt. Dadurch wird das Pferd mit der Ecke noch mehr Probleme haben.

Was braucht das Pferd also in diesem Moment? Es muss sich in der Ecke sicher fühlen.

– Verlangsame die Geschwindigkeit, wenn du auf die Ecke zu reitest

– Fahr deine Hilfe runter damit sich dein Pferd nicht bedroht fühlt

– Dränge dein Pferd nicht in die Ecken sonst wird die Angst nur größer. Spüre die emotionale Schwelle deines Pferdes und erlaube ihm dort stehen zu bleiben.

– Senke die emotionale Schwelle. Hier gibt es zwei Wege:

1. Nutze das Konzept von Annäherung und Rückzug: Gehe ein paar Schritte zurück und wieder vorwärts. Wiederhole das solange bis dein Pferd den ganzen Weg in die Ecke geht. Versuche dein Pferd nicht über diese Schwelle zu schubsen, erlaube ihm mutiger zu werden und freiwillig weiter zu gehen.

2. Gehe an der Ecke vorbei und kürze sie mehr ab als dein Pferd. Ob du es glaubst oder nicht je mehr du die Ecke vermeidest, um so entspannter wird dein Pferd mit der Situation umgehen. Mit der Zeit brauchst du das immer weniger machen, weil dein Pferd die Angst vor der Ecke verlieren wird.

– Stoppe in der Ecke und mache dort eine Pause. Wiederhohle das mit jeder Ecke und warte bis dein Pferd am langen Zügel dort stehen kann und sich entspannt. Später stoppst du nur noch vereinzelt in manchen Ecken. Das scheint für viele Reiter nicht nachvollziehbar, ist aber extrem wirkungsvoll. Du kennst das mit Sicherheit, wenn du oft genug am Eingangstor oder da wo der Trainer steht angehalten hast wird dein Pferd auf magische Weise von der Stelle angezogen. Genauso kannst du auch die gruselige Ecke in einen „Sweet Spot“ verwandeln.

3. Gebe deinem Pferd Zeit zum nachdenken

Besonders introvertierte Pferde neigen dazu weniger vorwärts zu gehen und Zeit zum Nachdenken zu brauchen. Je mehr du sie drängst desto mehr machen sie zu und so werden sie oft als vermeintlich stur abgestempelt. Irgendwann können diese Pferde aus dem nichts explodieren und losbuckeln. Wenn du das Gefühl hast, dein Pferd beginnt sich zu verschließen, dann gib ihm etwas Zeit durchzuatmen und sich wieder zu entspannen.

Das wird mit Sicherheit deine Geduld ganz schön herausfordern, aber wenn dir das Selbstvertrauen deines Pferdes wirklich am Herzen liegt wirst du es tun. Du kannst Selbstvertrauen nicht in ein ängstliches Pferd hineinzwängen! Du musst ihm das geben was es gerade braucht: Runterfahren, anhalten, es durchatmen lassen und dann erst weiter machen. Die gute Nachricht ist Geduld zahlt sich aus und baut vor allem Vertrauen auf. So können selbst die ängstlichsten Pferde starke, enthusiastische und selbstbewusste Schüler um somit echte Partner für dich werden.

4. Du kannst Liebe nicht erzwingen

Der Aufbau von Vertrauen und Respekt braucht seine Zeit. Viele Pferdebesitzer haben meist keine Ahnung davon, dass sie mehr als nur gute Reiter sein müssen. Gutes Horsemanship bedeutet das du zum einen Pferde-Psychologe, Trainer, Pfleger und Reiter bist. Die richtige Vorbereitung ist alles!

Wenn dein Pferd mental und emotional fit ist und du Wert auf eine solide Grundlage legst, wirst du überrascht sein wie schnell sich das Puzzle zusammenfügt. Nimm also den Druck für dein Pferd in diesem Prozess ganz bewusst raus und kümmere dich um das Fundament. Es wird es dir danken und dich mit Vertrauen belohnen.

Das sind die essentiellen Zutaten, auf die du dich Konzentrieren solltest:

Vertrauen

– Respekt

– Selbstbewusstsein

– Gefühl

– Harmonie

– Verbindung

– Entspannung

– Verständnis

5. Konzentriere dich auf den Geist, nicht auf den Körper

Das Pferd zu trainieren um Leistung zu bringen beschränkt sich meistens nur auf den körperlichen Aspekt: „Ich sag dir wie und was und du machst es“. Ich mache mein Bein dort ran und du bewegst deinen Körper hier hin etc..

Viele Pferde folgen den Anweisungen ihrer Reiter oder erfüllen ihre Wünsche ohne Enthusiasmus und ohne wirklich bei der Sache zu sein. Noch schlimmer, viele langweilen sich, andere sind kränklich, manche sind faul und andere angespannt und nervös. Warum?

Weil sie mental nicht involviert sind und vermutlich nicht die Absicht verstehen in der Halle immer und immer wieder auf und ab zu gehen oder immer und immer wieder über das gleiche Hindernis zu springen.

Wenn du dein Pferd mental erreichst, wird es freiwillig mehr Mühe aufbringen, glücklicher werden, weniger Stress haben und ganz automatisch viele unerwünschte Verhaltensweisen ablegen. Wie machst du das?

Du musst ihm erklären was deine Ziele sind und es sofort wissen lassen, wenn es etwas richtig macht.

Nehmen wir mal als Beispiel fliegende Wechsel, eine Übung die sehr oft zu Stress und Frust führt! Das erste Mal, wenn dein Pferd einen Wechsel versucht, stoppst du es danach und entspannst dich. Das lässt dein Pferd wissen es hat etwas richtig gemacht, auch wenn es nicht perfekt war. Eine viel bessere Herangehensweise als diese Übung immer und immer wieder zu machen, weiter zu reiten oder den Hals zu klopfen… an dieser Stelle eine gezielte Denkpause macht für dein Pferd den Unterschied.

Mache dir deinen inneren Zustand das nächste Mal ganz bewusst sobald du merkst, dass du ungeduldig wirst, wenn etwas nicht sofort klappt. Nimm dir einen Moment Zeit um darüber nachzudenken was gerade passiert ist und es zu verarbeiten. Beginne erst dann wieder, wenn sowohl bei dir und ganz besonders bei deinem Pferd die Entspannung zurückkehrt. Vielleicht hilft dir das ja auch in anderen Lebensbereichen.

Bis bald,

Deine Kathi